iPhone 12 mini Review - der Vergleich mit iPhone SE 1. Generation


Prolog

Als D-Netz Veteran hat man vermutlich ganz eigene Ansprücke an die mobile Telefonie, daher sollte der geneigte Leser sich überlegen, in wieweit diese Zeilen übertragbar sind.

Als ich 2016 das erste SE in den Händen hielt, war ich begeistert! Ein kleine bisschen länger als das 4S, aber dieser Nachteil wurde durch seine Vorzüge locker wettgemacht. Der Fingerabdrucksensor verkürzte die Anmeldeprozedur rasant, die Kamera war deutlich besser und insgesamt hab ich das damals als Quantensprung empfunden. Und bis gestern hatte ich kein anderes Telefon länger als ein paar Minuten in der Hand.

Innerhalb der letzten vier Jahre hab ich mein SE nach einem Sturz einmal gegen das 128 GB Modell ausgetauscht, ansonsten wäre ich nie auf die Idee gekommen, eines der - in meinen Augen - Phablets zu kaufen. Zu klobig, zu schwer und vor allem nicht mit einer Hand bedienbar. Da ich der Meinung bin, ein Telefon muss auch ohne Schutzhülle funktionieren, sah das Telefon auch entsprechend aus. Ich klebe aber auch keine Schutzleisten an die Türen meines Autos und ich pule diese Schutzfolie von Elektrogeräten sofort ab. Denn ich finde, etwas sollte so für seine Anwendung konstruiert sein, dass sie diese auch gut übersteht. Einen Helm zu tragen - beispielsweise beim Snowboardfahren - finde ich vollkommen legitim. Denn als der Mensch vor 20.000 Jahren (?) erfunden wurde, gab es keinen Wintersport. Man schützt etwas dann besonders, wenn man es außerhalb seines angedachten Verwendungszwecks benutzt. Aber im Alltag muss das auch ohne gehen.
Warum ich keine Handykette benutze? Weil ich mein Telefon eben in der Hosentasche haben möchte. So klein und unauffällig wie möglich!

Um zurückzukommen zu meinem kleinen, leicht ramponierten SE. Als ich es neulich einmal zu viel habe fallen lassen, ist das Display leicht aus dem Gehäuserahmen herausgestanden und der Rahmen war ein bisschen eingedrückt. Als ich das Display zurück in das Gehäuse drücken wollte, ist es gesprungen. Um das von idoc bestellte Ersatzdisplay einsetzen zu können, musste ich zunächst das Gehäuse etwas zurechtspengeln. Nach dem Zusammenbau funktionierte alles wieder prima - bis auf die Kameras und die LED Lampe. Das scheine ich bei meiner offenbar zu grobmotorischen Reparatur beschädigt zu haben. Und nach ein paar Tagen hab ich mir dann in meiner Verzweiflung das iPhone 12 mini bestellt.

Das iPhone 12 mini kommt an

Absolut pünktlich und begleitet von zahllosen Anrufen (ich hatte bei der Bestellung eine Festnetznummer angegeben) mit vorgelesenem Versandstatus vor und nach der Lieferung würde dann gestern das Telefon geliefert. Aus einem östlichen Zipfel Tschechiens innerhalb von 24 Stunden mit DHL Express nach Hamburg Mitte. Das Telefon kommt in einer überraschend kleinen Schachtel, da nur das Telefon und ein Ladekabel (USB-C auf Lightning) enthalten ist.

Look & Feel

Ich habs (natürlich) in schwarz bestellt, weil ich es als die unauffälligste Farbe empfunden habe. Hatte das Telefon bislang nur online gesehen und war etwas überrascht, das die Rückseite nicht matt, sondern glänzend ist. Das sieht halt immer recht schnell speckig aus, ist ein echter Magnet für Fingerabdrücke, aber fand ich jetzt nicht bislang so tragisch. Zunächst fühlt sich das Gerät nicht so viel größer an, als das alte iPhone SE. Etwa gleich dick, aber vor allem ein bisschen länger und ein paar Millimeter breiter. Das wirklich gute Display ist allerdings riesig, etwa so groß wie das alte SE insgesamt. Die Lautstärke-Tasten an der Seite fühlen sich etwas kleiner an, man kann sie nicht ganz so gut und schnell ertasten wie bei dem alten SE, auch der Druckpunkt ist etwas dezenter. Dennoch, es macht einen wertigen Eindruck und im Gegensatz zu einem iPhone 11 kann man es auch besser aufheben und anfassen, es hat nicht diese glitschige Haptik.

Die Einrichtung

Das erste Mal hab ich diese direkt von Telefon zu Telefon Wiederherstellung ausprobiert, fand ich eigentlich sehr smart. Allerdings ist es mehrfach fehlgeschlagen und das neue Telefon will dann - ohne weitere Angabe der Ursache - resettet werden und man fängt von vorne an. Auch der Apple Support hatte da keine Idee, die Internet Tipps wie Akku weiter aufladen, haben auch nicht geholfen. Also hab ich es über ein iPhones Backup vom Computer wiederhergestellt. Beim ersten Versuch wurden alle nicht System Apps zwar auf dem Display und der korrekten Position angezeigt, aber waren nicht geladen. Erst beim ersten Start wurde die App gestartet. Auch hatten viel Apps ihre Anmeldung vergessen und ich musste mich neu anmelden. Nach einem zweiten Versuch der Wiederherstellung klappte das dann aber besser, alle Apps waren geladen.

Die erste Fassungslosigkeit

Während der Einrichtung lag das Telefon auf dem Tisch und ich habe darauf getippt. Dabei ist mir aufgefallen, dass eigentlich egal wo man auf dem Display hintippt, das Telefon kippelt und klappert. Durch die erhobene Kamera ist das Telefon wie ein Tisch, der ein zu langes Bein hat. Ich weiß nicht genau, wann die Menschheit für sich beschlossen hat, das Dinge, die hin und wieder flach irgendwo aufliegen, unten flach zu machen. Aber Flaschen, Autos, Häuser, Teller, Stühle - alles ist so gebaut, dass es nicht kippelt. Was die Damen und Herren in Cupertino bewegt hat, diesen Konsens aufzukündigen, erschließt sich mir nicht. Ich habs mit einem iPhone 11 Pro auch ausprobiert, da ist es nicht ganz so tragisch, aber auch nervig. Da hatte ich schon ein bisschen schlechte Laune.

Die Benutzung

Es trägt etwas mehr auf, wenn man es in der Hosentasche hat, man nimmt es mehr wahr. Wenn man danach greift, fehlt ein bisschen der Home-Button, an dem man es einerseits gut greifen kann, aber auch im sofort zu erkennen, in welcher Position sich das Telefon befindet. Und mangels Fingerabdrucksensor dauert es gefühlt ein bisschen länger, bis das Telefon betriebsbereit ist. Mit dem Home Button konnte man es während des aus der Tasche ziehens schon entsperren und hat es dann betriebsbereit vor die Nase bekommen, das dauert jetzt einfach länger. Auch wenn man sein Telefon auf dem Tisch liegen hat und man ab und an draufguckt, ob sich was getan hat, kann man nicht mehr von oben einfach auf den Home Button drücken, sondern muss erstmal die Taste an der Seite zu fassen bekommen, damit das Display angeht. Aber vielleicht gewöhnt man sich irgendwann daran.
Das Telefon ist deutlich schneller, Ladezeiten für Apps beispielsweise sind spürbar verringert. Das Display sieht einfach besser aus und weil der Rand kleiner ist, wirkt es auch deutlich zeitgemäßer. Allerdings nervt es ein bisschen, wenn Buttons ganz unten oder ganz oben sind, weil man da einfach nicht mehr rankommt. Also trotz Handschuhgröße 8 kann man nicht alle Schaltflächen sofort erreichen, wenn man das Telefon in einer Position hält. Das verlangsamt die Benutzung schon etwas. Und trotz des Riesendisplays war es wohl nicht machbar, die Ladestandsanzeige in % darzustellen. Man sieht einfach nur einen mehr oder weniger großen Punkt rechts oben. Ob das jetzt 80% oder nut 56% sind ist nicht so ohne weiteres zu erkennen. Und langsam wiederholten sich bei mir die Fragen, was sich Apple dabei gedacht hat. Zwar kann man den genauen Ladestand sehen, wenn man irgendwo hinnavigiert, aber man ist weg davon auf einen Blick wesentliche Informationen zu bekommen. In meinen Augen sind das Kompromisse oder Einschränkungen, ohne einen Vorteil davon zu haben.

Im Laufe eines 24-stündigen Nutzungszyklus ist mir dann auch aufgefallen, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, das Telefon auf die Seite zu stellen. Ich habs hin und wieder, beim Filmen oder Video gucken, auf die Seite gestellt. Da aber inzwischen auf beiden Seiten Tasten sind, geht das nicht mehr. Warum? Warum diese kleine Einschränkung in der Benutzbarkeit, ohne einen erkennbaren Vorteil dadurch zu bekommen? Warum konnte die Ein/Aus-Taste nicht oben bleiben?

Ein weitere Punkt - hab ich aber noch nicht ganz validiert - die Vibration scheint schwächer zu sein. Es ist ein angenehm dezentes brummen, aber nicht mehr das aufmerksamkeitserregende Zittern des iPhone SE der ersten Generation.

Mein Fazit

Es drängt sich einem der Eindruck auf, dass Apple inzwischen Geräte baut, die perfekt in das Ökosystem passen, nicht zu uns Menschen. Wir haben uns und unsere Gewohnheiten dem Gerät anzupassen, nicht andersherum. So kann man sagen, es ist ein spitzengerät, das vermutlichen bei allen KPIs weit vorne liegt, aber die Benutzbarkeit verglichen mit vorherigen Generationen ist einfach nicht mehr so gegeben. Es funktioniert schon alles, nur eben nicht mehr so gut, sicher und flüssig.

Noch bin ich unentschieden, ob ich dabei bleiben werde oder wieder nach meinem alten Gerät greife. Die Kamera ist schon der Knaller und die Akkulaufzeit ist deutlich besser als bei einem 2 Jahre alten SE. Aber das ist bislang das einzige, wo ich einen signifikanten Fortschritt sehe. In ein paar Tagen werde ich das alte SE wieder in die Hand nehmen und gucken, ob es sich heimisch oder fremd anfühlt. Dann werden wir weiter sehen...

 


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